Mensch-Tier Beziehungen / Anthrozoologie

 

An dieser Stelle greife ich ein recht junges Thema auf, welches in der europäischen, bzw. deutschen Zoologie noch nicht so sehr populär ist. Es handelt sich um die Anthrozoologie, dies sind Studien und Forschungen, die sich mit den komplexen und vielfältigen Beziehungen zwischen Menschen und Tieren beschäftigen. Dies ist natürlich nur eine grobe Umschreibung für die beinhalteten einzelnen Themenfelder die sich hieraus ergeben. Dazu gehören unter anderem Psychologie, Soziologie, Philosphie, Geschichts-, Kultur- und Erziehungswissenschaft.

Die Forschungsinhalte beschäftigen sich detaillierter mit den Themen "Repräsentation von Tieren in der Kunst, Literatur und Medien" ; "Bedeutung von Tieren in der Kulturgeschichte und Religion" ; "Tiere und Tierbilder im Denksystem der Gesellschaft" ; "Interaktionen zwischen Menschen und Tieren" ; "Behandlung von Tieren in der Wissenschaft, Forschung und Landwirtschaft" ; "Historische Veränderung des Umgangs von Menschen mit Tieren" ; "Tiere als Nahrungsgrundlage und sich daraus ergebenden sozio-kulturellen und ethisch-moralischen Konflikten" ; " Tierrechte und Tierbefreiung" ; "Kritische Betrachtung der Mensch-Tier Beziehung als Gewalt- und Ausbeutungsverhältnisses". Ingesamt gibt es in vorgenannten Bereichen weitere Spezialisierungen, deren Aufzählung hier aber zu umfangreich werden würde. Es ist aber erkennbar, daß wir in den nächsten Jahrzehnten genug Grundlage haben, unsere wertvollen Mitbewohner auf diesem Planeten näher und intensiver betrachten sollten.

Bekannt geworden ist die Anthrozoogie in den 1980er-Jahren im angloamerikanischen Raum und dort seit 1990 als eigenständiger wissenschaftlicher Forschungsbereich erst richtig etabliert. Es sollte noch 20 weitere Jahre dauern, bis man auch in Deutschland zögerlich erkannt hat, das die Anthrozoologie ein wichtiger Bestandteil in der Tierforschung ist. Seit 2009 gibt es Studiengänge in Berlin, Hamburg, München und Würzburg zu diesem Thema. Allerdings ist zu bemängeln, das sich kaum ein Zoo in Deutschland beispielsweise einen Tierpsychologen leistet, hier wird zu wenig Beachtung auf das psychische Wohlbefinden der Tiere gelegt, bzw. darauf geschaut, was ein Tier eigentlich möchte. Sicherlich ist dieser Bereich der Forschung und Beobachtung sehr zeitintensiv und nicht auf den ersten Blick für das ungeübte Auge ein Erfolg zu erkennen. Dennoch sollte es ein Standard werden, in zoologischen Einrichtungen Tierpsychologen oder auch Tierheilpraktiker zu beschäftigen. Tiere sind nicht so dumm, stumpf, oder gefühllos, wie es so manch alt gedienter Wissenschaftler annimmt, auch hier sollte die moderne Zootierhaltung in die Köpfe der Wissenschaftler einziehen.

Das Vögel generell eher zu den intelligenten Tieren gehören, sollte mittlerweile bekannt sein. Sicherlich gibt es innerhalb sämtlicher Vogelarten einige Arten die kreativer, bzw. intelligenter sind als andere Arten. Hier stellt sich aber bei genauer Betrachtung die Frage, sind sie wirklich intelligenter, sprich,  planen sie bestimmte Dinge und denken über ihr Handeln nach, oder sind sie einfach nur kreativ und handeln praktisch spontan?

Um bei den Pelikanen zu bleiben, kann ich nach mehrjährigen intensiven Beobachtungen sagen, das sie bestimmte Aktionen ganz bewußt planen. Sie beobachten, überlegen wann und wo ein günstiger Moment für eine Aktion gegeben ist und handeln dann. Pelikane sind auch in der Lage einen von ihnen gemachten Fehler zu erkennen und sich dafür zu entschuldigen. Hierauf gehe ich später genauer ein. Desweiteren sind sie sich genau bewußt wie sie gegenüber "Freunden" kokettieren können, das heisst genau zu signalisieren was sie gerade möchten oder auch nicht und die Vögel merken genau, ob es der Mensch versteht oder nicht.  Bei den einzelnen Pelikanarten kann man tendenziell Verhaltensunterschiede feststellen, wobei sich einzelne Vögel immer durch besondere Verhaltensweisen, bzw. Fähigkeiten hervorheben. Das hat mehrere Ursachen, da wäre einerseits wie bei allen Lebewesen die Genstruktur (Eltern), andererseits das Umfeld wo diese Vögel aufwachsen und ob sie früh Kontakt mit Menschen haben (Handaufzucht). Wobei ich zum Thema Handaufzucht oder Nestaufzucht, auch sehr interessante Beobachtungen machen konnte, auf die ich später noch mal kurz eingehe.

Nachfolgend nun einige Beispiele zum Thema Intelligenz, Planen von Handlungen und psychischer Befindlichkeiten der Pelikane.

Beispiel 1: Entschuldigung für einen Schnabelhieb

Anhand von zwei Begebenheiten mit einem Rosa- und einem Rotrückenpelikan, ist erkennbar das sich Tiere auch für ein Fehlverhalten entschuldigen. Einem Rosapelikan dem ich aus einer misslichen Situation geholfen habe, hatte bei dieser Aktion mit seinem Schnabel nach mir geschnappt weil er Angst hatte und nicht wußte was gerade passiert. Dies ist ja auch verständlich und ein natürliches Verhalten. Cirka 5 Stunden später kam dieser Rosapelikan gezielt zu mir, schaute mich an und legte sich vor mir hin und ließ sich von mir streicheln, was er vorher nie zugelassen hat. Dieses bemerkenswerte Verhalten zeigt, das der Rosapelikan darüber nachgedacht hat das ich ihm keine Angst machen wollte, sondern ihm geholfen habe und er erkannt hat das es ungerecht war, nach mir mit dem Schnabel zu schlagen.

Bei einem Rotrückenpelikan war es eine ähnliche Situation, hier wollte ich den mir seit einiger Zeit bekannten Vogel streicheln, was auch grundsätzlich kein Problem war. Allerdings saß besagter Pelikan in einer bepflanzten Blumenschale, die er wohl offensichtlich als sein Nest akquiriert hatte. Als ich mich ihm näherte und ihn streicheln wollte, hat er ebenfalls nach mir geschnappt um sein Nest zu verteidigen. Als ich wieder ging, muß er wohl gemerkt haben das ich etwas enttäuscht darüber war. Ebenfalls nach vielen Stunden, später am Abend, kam dieser Rotrückenpelikan auch gezielt zu mir und legte sich ebenfalls vor mich hin, schaute mich an und begab sich in seine Ruhestellung um sich dann länger von mir streicheln zu lassen. Nach cirka 30 Minuten stand er dann wieder auf und ist dann zu seinem Schlafplatz gegangen. Auch hier wieder interessant zu sehen ist, daß es dem Vogel wichtig war, das gegenseitige Vertrauen und die Zuneigung nicht zu zerstören, sondern aufrecht zu erhalten. Ebenfalls hat hier ein Denkprozess stattgefunden.

Beispiel 2: Soziales Verhalten eines einzelnen Tieres für eine Gruppe

Eine Gruppe Rosapelikane wollte ein Gehege für einen Spaziergang verlassen und sie hatten schon öfter versucht die Tür des Geheges zu öffnen und dieses zu verlassen. Es hatte sich aber immer nur ein einzelnes Tier mit der Tür beschäftigt und versucht diese mit dem Schnabel aufzuziehen, um dann rasch durch zu laufen. Das funktionierte aber nicht, da die Tür immer wieder zu schnell zu schlug. Eines Tages hat ein Rosapelikan aus der Gruppe sich dafür "geopfert", um den anderen Pelikanen den Ausgang zu ermöglichen. Dieses Tier hat die Tür mit dem Schnabel aufgezogen und festgehalten, während die anderen Vögel heraus gelaufen sind. Der Pelikan der die Türe aufgezogen hat, verblieb selbstverständlich im Gehege. Interessant auch hier, das sich einer der Rosapelikane in dieser selbstlosen Aktion der Gruppe quasi das Entkommen ermöglicht hat. Auch hier hat ein Denkprozess mit einer bemerkenswert sozial kompetenten Entscheidung stattgefunden.

 Beispiel 3: Planen einer Gehegeflucht

Ein Pelikan der sich sichtlich unwohl an einem neuen Standort fühlte, hatte sich überlegt wie er dort schnell wieder weg käme. Dazu muß man sagen das dieses Tier die Menschen sehr mag und den Kontakt zu den Besuchern sucht. Am neuen Standort war der Besucherkontakt nicht mehr so gewährleistet, wie der Vogel das gerne hätte. Zu beobachten war, das der Pelikan im Laufe der Zeit immer depressiver und lethargischer wurde. Er muß wohl länger darüber nachgedacht haben, wie er dort wohl wieder verschwinden könnte. Eines Tages hat er bei der Futterrunde der Pfleger eine Krankheit simuliert, was dann zur Folge hatte das diese ihn dann mit in die Vogelstation nahmen. Allerdings konnte man keine Krankheit oder Verletzung diagnostizieren und der Vogel fühlt sich nun putzmunter in dieser Station, dort ist auch ordentlich Betrieb und man schenkt ihm dort die Aufmerksamkeit die er braucht. Das Bemerkenswerte an dieser Geschichte ist, das der Vogel sich überlegt hat mit welcher Möglichkeit er es schaffen kann das Gehege zu verlassen. Er hat definitiv nur diesen einen Versuch genutzt der ihm am aussichtsreichsten erschien, er hätte ja auch die Zäune nach einer Lücke absuchen können, hat er aber nicht getan. Er hat sich für eine komplexere aber erfolgreiche Variante entschieden.

Beispiel 4: Streicheleinheiten von einem Freund

Es gibt ja durchaus einzelne Tiere die sich auf eine bestimmte Person fixiert, bzw. als deren Freund auserkoren haben. An dieser Stelle berichte ich von einem Brillenpelikan, der mir ganz besonders vertraut und mich als Freund auserkoren hat. Er genießt immer die Streicheleinheiten die ich ihm gebe, aber er ist manchmal etwas genervt wenn andere Menschen ihn dann zusätzlich auch noch streicheln wollen wenn ich dabei bin. Eines Tages sah er mich als ich auf ihn zu ging und er stand plötzlich auf und ging von mir weg. Erst dache ich ja das er keine Lust auf meine Streicheleinheiten hatte, aber als er loslief, schaute er sich immer nach mir um. Ich bin ihm dann mit etwas Abstand hinterher gegangen und sah das er sich zu einem etwas höher gelegenen von Besuchern selten frequentierten Bereich bewegte. Als er dort oben angekommen ist, hat er sich auf eine steinerne Bank gestellt und auf mich gewartet, bzw. geschaut ob ich auch nach oben komme. Als ich dort oben ankam, hat er sich auf die Bank gelegt, seinen Schnabel ins Rückengefieder gelegt und mich erwartungsfroh in seiner Ruhepostion angeschaut. Danach habe ich ihn über zwei Stunden gestreichelt, bis er zufrieden aufgestanden und mit mir gemeinsam zu seiner Kolonie zurück gelaufen ist. Auch hier ist deutlich zu erkennen, das dieser Vogel nur mit einer Person, seinem Freund, die Streicheleinheiten genießen wollte und sich bewußt an einen Ort zurückgezogen hat wo es ruhig ist. Auch hier hat ein Pelikan darüber nachgedacht wie er sein Ziel erreichen und es planvoll in die Tat umsetzen kann. Ebenfalls wußte er genau wie ich reagieren und das ich ihm folgen werde.

Beispiel 5: Eifersucht der Tiere untereinander und auf andere Personen

Wie ich ja bereits in Beispiel 4 beschrieben habe, suchen sich einzelne Tiere ganz bestimmte Menschen heraus die sie als Freund, oder sogar als Partner akzeptieren. Ich konnte in mehreren Jahren feststellen, das Pelikane genaue Abstufungen bei ihren Freundschaften mit Menschen machen. Nicht jeder Freund darf auch alles mit ihnen machen. Beispielsweise sind Pelikane, bzw. Vögel allgemein, nicht davon angetan von Menschen umarmt zu werden. Hier bedarf es ein unwahrscheinlich großes Vertrauen der Vögel um dies zu zulassen. Wenn man allerdings einmal dieses Vertrauen der Tiere gewonnen hat, dann ist es aber auch so, das vielfach auch ein eifersüchtiges Verhalten des Vogels gegenüber den Artgenossen, oder anderen Personen offen gezeigt wird. In diesem Augenblick will der Freund nicht geteilt werden! Alleine der Blick von mir zu einem anderen Artgenossen reicht mitunter aus, um den vermeintlichen Konkurrenten in die Flucht zu schlagen. Hierbei ist noch zu sagen, das es Pelikane gibt die mehr und andere weniger eifersüchtig sind, ganz wie bei uns Menschen. Dabei variert dann auch die Vorgehensweise der Vögel wie sie mit der Eifersucht umgehen. Selbstverständlich richtet sich dieses Verhalten nicht nur gegen die Artgenossen, sondern auch gegen Personen die in diesen speziellen Momenten von den Pelikanen nicht erwünscht sind. Hierbei gibt es auch mehrere Variationen es diesen Menschen mitzuteilen.

Thema Hand-, bzw. Nestaufzucht

Wie weiter oben schon angedeutet, widme ich mich hier noch mal kurz der Thematik Handaufzucht, bzw. Nestaufzucht. Wenn Vögel dem Menschen zugewandt, auch als "zahm" bezeichnet, sind, heißt es ja fast zwangsläufig das es eine Handaufzucht ist. Dies muß nicht zwangsläufig der Fall sein, oft ist es so, kann aber auch anders sein. Es gibt auch nicht selten Jungtiere die von ihren Eltern im Nest aufgezogen werden, die sich trotzdem dem Menschen zuwenden und dermaßen zutraulich sind, das man glaubt das sie vom Menschen groß gezogen wurden. Ebenso interessant ist die Tatsache, das adulte Pelikane die aus der freien Wildbahn in Zoos gekommen sind und keinen derartigen Menschenkontakt hatten, sich aber durchaus plötzlich sehr zu Menschen hingezogen fühlen können.

 

Weitere, bzw. detailliertere Erkenntnisse, Erfahrungen und Beobachtungen werde ich im Laufe der Zeit an dieser Stelle veröffentlichen.

 

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